Magazin Beitrag

Klima und Gewalt

Über die kommenden Konflikte
Klima und Gewalt

Das vieldiskutierte Problem des Klimawandels hat Harald Welzer unter einem neuen Gesichtspunkt betrachtet: nämlich »der Frage, wie Klima und Gewalt zusammenhängen.« Dabei identifiziert er in seinem Buch »Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird« die Veränderungen des Klimas im globalen Maßstab als eine zunehmend wichtige und bisher weitgehend ignorierte Quelle von Konflikten. Um seine Thesen zu stützen, schildert er eine Fülle von aktuellen und historischen Beispielen.

Den Bürgerkrieg in Darfur bezeichnet er als „ersten Klimakrieg“ (Seite 94) bzw. als „Blick in die Zukunft“ (25). Als Folge des Bevölkerungswachstums und schwindender Weideflächen für die arabischen Hirten gerieten diese in eine blutige Auseinandersetzung mit den christlichen afrikanischen Bauern. Hier zeige sich auch sehr deutlich, dass „Raum- und Ressourcenkonflikte“ (22) von den Beteiligten und Außenstehenden oft als ethnisch oder religiös motiviert missverstanden würden.

Der Klimawandel trifft nicht alle Regionen gleichmäßig (56): Zum einen sind die Auswirkungen in Afrika, Südamerika und Teilen Asiens besonders dramatisch, zum anderen verfügen die reichen Länder des Nordens auch über sehr viel bessere Möglichkeiten, mit den Veränderungen umzugehen. In sog. schwachen Staaten sind Dauerkriege, ethnische Säuberungen und Flüchtlingsbewegungen das Ergebnis. In Europa und den USA führt der Migrationsdruck und der internationale Terrorismus dazu, die Außengrenzen militärisch abzuriegeln und im Inneren die Freiheiten der Bürger im Namen der Sicherheit einzuschränken (181-200).

Der Essener Sozialpsychologe hat sich bisher v.a. mit kollektiven Wahrnehmungen gesellschaftlicher Ereignisse beschäftigt. Und so fragt er auch hier immer wieder danach, wie Menschen den Klimawandel wahrnehmen und damit umgehen. Seine Antwort lautet: Verändern sich die äußeren Bedingungen, etwa durch reale oder auch nur gefühlte Bedrohungen, beeinflusst dies ebenso die Weltbilder und Handlungsoptionen der Betroffenen – freilich oft unbewusst (233, 238f). Mit diesen „shifting baselines“ ließen sich Gewalteruptionen wie in Ruanda 1994 erklären, und zugleich lässt dies für die Zukunft wenig Gutes erwarten. Es zeigt sich auch, dass das „Verschwinden von Verantwortung“ durch Arbeitsteilung und generationenübergreifende Wirkprozesse fatal ist – niemand fühlt sich zuständig oder überhaupt in der Lage, wirksam etwas unternehmen zu können (30, 120).

Am Schluss kommt Welzer zu einer doppelten Prognose. Er entwickelt das Konzept einer „guten Gesellschaft“, das sich im wesentlichen darauf stützt, die Menschen zu mehr Engagement und Verantwortung zu motivieren (271). Aber da der Klimawandel kaum aufgehalten werden könne (257), seien eine dramatische Zunahme der weltweiten Gewalt, ja, sogar ein Ende der Aufklärung und des westlichen Entwicklungsweges sehr wahrscheinlich (106, 278).

Einerseits gelingt es dem Autor, den Leser immer wieder durch packende Erzählungen zu fesseln. Etwa, wenn er sehr pointiert die Geschichte der Osterinsel schildert, um zu zeigen, dass menschliche Gesellschaften in der Lage sind, ihre eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören, um dann in der Agonie der gewaltsamen Selbstvernichtung unterzugehen (79-86). Andererseits schweift er auch hin und wieder allzu sehr vom Thema ab, zum Beispiel wenn er seitenlang psychologische Aspekte des Holocausts referiert. Hier wäre weniger mehr gewesen.

Auch wenn viele Fakten bereits bekannt sein dürften; neu ist zweifellos die Zusammenschau ganz unterschiedlicher Fälle von Klimafolgen. Auf diese Weise führt Welzer u.a. Konzepte wie das des Politologen Herfried Münkler von den „neuen Kriegen“ mit Psychologie und Klimaforschung zusammen. Das ergibt interessante und überraschende Einsichten. Freilich kann der pessimistische Grundton nur bedingt überzeugen. Denn die achselzuckende Annahme, technischer Fortschritt könne per se nichts zu einer Überwindung der Probleme beitragen, scheint doch etwas zu kurz gedacht und wird auch nicht weiter begründet. Auch die ausführliche Schilderung der Ursachen und Folgen der Migration steht in seltsamem Kontrast zu der völligen Ausblendung möglicher Alternativen für die Flüchtlinge selbst und die Zielländer.

Man mag auch einwenden, dass manche Teilbereiche nur sehr oberflächlich gestreift werden, etwa die wirtschaftlichen Interessen und politisch-militärischen Interventionen des Westens. Hier scheint der Autor allzu sehr darauf bedacht, kriegerische Konflikte in Ländern der Dritten Welt aus sich selbst heraus erklären zu wollen.

Insgesamt aber ein wirklich bemerkenswertes und notwendiges Buch, das nicht nur eine Fülle von Details und bedenkenswerte Sichtweisen bietet, sondern darüber hinaus auch sehr gut lesbar, stellenweise geradezu fesselnd geschrieben ist.

 

Harald Welzer: Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird. Frankfurt/M. 2008.

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