Entweder Religion oder Moral?

Margot Käßmann und der »Klerikalismus«
von Marcell Hübner am 4. März 2010
Margot Käßmann 2009Foto von evangelisch.de

Der sich gelegentlich in der Presse zu Wort meldende Theologe Friedrich Graf kommentiert in der Neuen Zürcher Zeitung den nach nur vier Monaten erfolgten Abgang der »entschieden modernen« Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, vom Amt.

Ihre mediale Dauerpräsenz habe sich die Bischöfin - so dieser Autor - durch die zeitgemäße Vermischung von Amt und Privatem erkauft. Mehr noch, sie habe auch vor dem Hintergrund der protestantischen Kultur der letzten 200 Jahre als Vertreterin eines quasi reaktionären »Moralprotestantismus« gewirkt.

Die spätestens seit Friedrich Schleiermachers Reden von 1799 in der protestantischen Welt allgemein geltende Trennung von Religion und Moral habe sie bewusst durch ihren teilweise »populistisch« zu nennenden Stil unterlaufen, der auch vor der Indienstnahme der Bild-Zeitung oder gar der politischen Forderung nach dem Abzug der deutschen Soldaten aus Afghanistan nicht zurückschreckte. Durch diese Haltung habe sie die urprotestantische Gleichheit der Gläubigen unterminiert, weil sie öffentlich gewissermaßen eine moralisch-charismatische Sonderstellung für sich beansprucht hatte, und damit praktisch - so Graf - in dem Anspruch für die gesamte Kirche zu sprechen, einem neuen Klerikalismus in der protestantischen Kirche die Tür geöffnet habe.

Konsequent sei also ihr Rücktritt als Reaktion auf ihre Alkohol-Verfehlung, sei er doch im Einklang mit ihrer elitären Haltung, die im Anspruch auf moralische Überlegenheit und gleichzeitig Authentizität gründe und in purer Selbstinszenierung gipfele.

Jedoch bleibt Graf dem geneigten Leser leider eine Auskunft darüber schuldig, wie Schleiermacher vormals angeblich die Trennung von Religion und Moral motiviert und begründet haben soll, und warum das auch heute Geltung haben kann und soll - bedauerlich, ruht doch seine ganze Einschätzung der causa Käßmann auf dieser vorgeschobenen Autorität. Auch bleibt die Frage offen, welche Art von politischer Gestaltungskraft das Amt der Ratsvorsitzenden noch hätte, wenn moralisch unterfütterte Stellungnahmen aus Gründen der Rücksichtnahme auf corporate culture und political correctness tatsächlich außen vor bleiben müssten.

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