Am 29. April zirkulierte Prof. Peter Hallward eine Email, in der es hieß:
I regret to say that Middlesex University has just decided, rather abruptly, to close all its Philosophy programmes and to shut down our Centre for Research in Modern European Philosophy …
Das renommierte Philosophie-Departement der Middlesex University soll komplett geschlossen werden. Die Entscheidung, die als weder ökonomisch noch akademisch motiviert gilt, fiel tags zuvor. Lehrende und Studierende reagierten sofort und richteten unter anderem eine Petition ein. Nina Power, die am 8. Mai im Berliner Haus der Kulturen der Welt vorträgt, verurteilte die Entscheidung im Guardian. Weiterlesen …
Gesten unterscheiden Kleinkinder von Menschenaffen. In der Forschung werden verschiedene Ansätze verfolgt; dazu zählt der Versuch, Roboter zur eigenen Entwicklung einer gemeinsamen Sprache auszubilden. Dadurch sollen Rückschlüsse auf den Ursprung von Verständigung und Grammatik gezogen werden. Der Schlüssel ist jedoch das Verständnis des sozialen Miteinanders, meint der Anthropologe Michael Tomasello und widerspricht damit dem Linguisten Noam Chomsky. Robert Brammer zeigt in SWR2 Wissen die unterschiedlichen Ansätze der Forschung.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Hannah Arendt als eine der ersten Wissenschaftlerinnen einen nicht unumstrittenen Deutungsversuch des entgrenzten Verhaltens des Menschen in der Masse unternommen. Der Schriftsteller Elias Canetti entwarf dagegen mit dem Buch »Masse und Macht« ein eher poetisches Konzept eines Blickes von innen auf das unberechenbare Verhalten moderner Gesellschaften. Dafür erfand er ein eigenes Vokabular, welches die Eigendynamik und die Bedeutung der Masse veranschaulicht. Die Sendung Essay und Diskurs des Deutschlandfunks hat einen Deutungsversuch unternommen.
Besetztes Audimax auf der Sesamstraße. Magnus Klaue auf dem Podium (mittig in orange).Foto von mwboeckmann, Flickr.
In einem hübsch gedrechselten Dossier ruft Magnus Klaue zur »anstehende[n] Erledigung« der »selbsternannten« Bildungsstreik-Bewegung auf. Dabei meint er's hart aber herzlich, will dem vermeintlich schläfrigen Haufen der Bildungsprotestler mit der kalten Dusche der Kritik aufhelfen und ihm zugleich das theoretische Fundament unterschieben. Denn was ginge tiefer, als Reflexionen über
die somatischen, gleichsam organischen Implikationen des Bildungsbegriffs und (…) dessen wahrhaft materialistische Grundlage, seinen 'Triebgrund'.
Bei soviel wohlwollender Nachhilfe im 1x1 materialistischer Kritik, fällt es nicht schwer, über kleinere Schnitzer hinwegzusehen. Oder sollte die »Warenform« heute tatsächlich immer noch ein unablässiges Kriteriumaller »autonomen geistigen Gebilde« sein?
Glaubt man einem Darwinisten wie Daniel Dennett, bestehen zwischen den Ansichten der Biologie und der Geisteswissenschaften über die Stellung des Menschen in der Evolution gar keine unüberbrückbaren Hürden. Denn dann ist die Kultur zwar weiterhin ein exklusives Kennzeichen des reflektierenden und mitteilenden Akteurs, aber deshalb trotzdem in evolutionäre Prozesse integrierbar: Jeder Organismus hat Intentionen, wenn auch nicht notwendig Gründe. Und die sog. Meme wären ein plausibles Modell, wie auch in der Kultur evolutionäre Gesetzmäßigkeiten wirken. Ein interessanter Beitrag von Rudolf Maresch.
Der Philosoph Peter Sloterdijk schreibt als Kolumnist des konservativen Potsdamer Hochglanzblattes Cicero eine Brandrede für einen »Aufbruch der Leistungsträger«. Diese führte zu einer scharfen Replik des Philosphen Axel Honneth in der Zeit, die wiederum Jürgen Kaube in der Franfurter Allgemeinen Zeitung kommentierte. Das bisher letzte Wort hatte der Journalist Rudolf Walther in der taz, der Sloterdijks Schrift amüsant und bissig zerlegt.
Geert Keil ist Professor für Philosophie in Aachen und er vertritt die zur Zeit wohl muskulierteste Theorie des freien Willens. Anders als viele philosophische Zeitgenossen ist Keil kein Kompatibilist, d.h. er glaubt nicht, dass freier Wille und Determinismus vereinbar sind. Es ist aber nicht der freie Wille den er verabschiedet, sondern er hält den Determinismus für falsch (was ihn, wie Keil gerne anmerkt, mit den meisten Physikern eint). Weiterlesen …
Über die Willensfreiheit wird viel gestritten. Im Feuilleton und - seltener - in der Fachpresse wird er regelmäßig abgeschafft. Die Begründung: Die Welt ist naturgesetzlich determiniert und daher ist in ihr kein Platz für den metaphysischen "freien" Willen. Der Philosoph Manfred Frank vertritt in diesem Interview mit Thomas Assheuer und Ulrich Schnabel einen Standpunkt, der in der Fachliteratur "Kompatibilismus" genannt wird. Gemeint ist eine philosophische Position die behauptet, dass die Theorien der Determination und des freien Willens vereinbar sind.
Olivier Roy stellt in seinem Zeit-Beitrag eine interessante These auf: »Der terroristische Islamismus ist keine traditionelle, sondern eine höchst moderne Glaubensrichtung. Sie wurzelt in Europa.«
Einst kamen die größten Denker aus Arabien. Heute vernachlässigt die islamische Welt die Wissenschaft. Einigen Ländern fehlt das Geld, in anderen kämpfen Fundamentalisten gegen die Forschungsfreiheit.
Mit unterhaltsamem, bösem Sarkasmus zählen Peter Blechschmidt und Marc Widmann in der Süddeutschen Zeitung die Tricks auf, durch welche die vorgeblich schärfste Waffe der Opposition in Deutschland, der Untersuchungsausschuß, zu einem »stumpfen Schwert« verkommt: durch sinnlose Geheimhaltung, Blockade von Gegenüberstellungen, Aufblähen der Akten und Ausschluß der Öffentlichkeit.
Millionen Menschen erfreuen sich an den Fußballspielen in Südafrika. Der die Spiele ausrichtende Weltfußballverband Fifa gilt als ein Ort der Korruption: Niemand hat bisher die Sümpfe vermessen können, viele Geldflüsse liegen im Dunkeln. Doch daß viele Funktionäre geschmiert sind, ist spätestens belegt durch den Prozeß nach der Pleite der Sportvermarktungsfirma ISL. Diese wurde von dem Erben des Sportartikelherstellers Adidas, Horst Dassler, gegründet.
Der Weg der Fifa zu einem korrupten Marketing-Konzern begann 1974 in Deutschland mit der Wahl des Brasilianers João Havelange zu ihrem neuen Präsidenten: Dassler verteilte Geldbündel zur Durchsetzung der Wahl. In Havelanges Amtszeit mutierte die Fifa zu einem mafiösen Konzern mit Vetternwirtschaft, Bestechung und hoch dotierten Beraterverträgen. Joseph Blatter veränderte als Nachfolger die Geldflüsse in Zusammenarbeit mit seinem Neffen Phillipe Blatter. Doch transparenter wurde die Fifa nicht: Ein System, das durch Werbegelder und Übertragungsrechte in Geld schwimmt.
Seit fast 60 Jahren möchte der Verein Atlantik-Brücke die deutsch-amerikanische Freunschaft fördern – nun ist ein neuer Vereinszweck hinzugekommen, der seinen Weg noch nicht in die Satzung fand: das gezieltes Training der Lachmuskeln des gemeinen Publikums. Der noble Verein der Vorstandsvorsitzenden und verdienten konservativen Politiker hat sich in aller Öffentlichkeit tief zerstritten.
Dass selbst die progressive Geisteshaltung immer häufiger mit konservativen und repressiven Extrakten versetzt ist, mutet mittlerweile ja leider nicht mehr neu an, entmutigt aber stets aufs Neue. In Tagen, in denen progressives Denken soviel heißt wie Brosamen aufsammeln, tapst man unwillkürlich in repressive Fußspuren, ohne dass es einem auch nur ansatzweise gewahr wird.
Vom 25. bis zum 27. Juni fand in Berlin der Kongress „Idee des Kommunismus. Philosophie und Kunst“ statt. Für ein paar Tage prangte das K-Wort in großen Lettern an der Fassade der Volksbühne.
Ausgehend von einer Analyse des desaströsen Scheiterns der „kommunistischen“ Staaten, bereits lange vor ihrem äußerlichen Zerfall, sollte mit dieser Konferenz an einer emanzipatorischen Perspektive festgehalten werden, die wieder den Namen „kommunistisch“ verdienen würde. Dieses Festhalten sei jedoch keinesfalls nostalgisch zu verstehen. Vielmehr, so lautete der Einsatz der Veranstalter, müsse die „kommunistische Hypothese“ einerseits überhaupt rehabilitiert, andererseits in einer historisch neuen Form affirmiert werden.
Das hier wiederveröffentlichte Interview mit dem Kulturwissenschaftler, Erinnerungsforscher und Kuratoren Harald Welzer erschien erstmalig 2009 im »Arbeitsbuch 18. Welten Wenden 8909« beim Verlag Theater der Zeit. Wie der Titel der Publikation leicht erahnen lässt, wohnt sie – gleich diesem Interview – der »Erinnerungsweltmeisterschaft« des vergangenen Jahres bei. Nicht um selbst bei ihr anzutreten oder sich in der allseitigen Jubiläumsduselei zu ergehen, sondern um diese in den Rang eines Gegenstandes zu erheben und von ihm zwecks eigener Reflexionen sich abzustoßen. Da aber diese von ihrem unmittelbarsten Anlass nicht abhängen, vielmehr über ihn hinaustragen, schien uns eine neuerliche Verfügbarmachung erlaubt.
Aufgrund einer jährlichen Familienzusammenführung landete ich kürzlich auf dem Flughafen in Rom. Mein erster Eindruck: 60 Millionen Italiener sind hauptberuflich mit der Erfüllung sämtlicher Klischees über Italien beschäftigt, nebenberuflich Kellner, Anwälte, Ärzte oder eben Mafiosi. Diesen von Vorurteilen geprägten Kulturschock erlebte ich, als ich bei meinem ersten italienischen Cappuchino den Blick durch die Ankunftshalle gleiten ließ, während ich auf die Verwandtschaft warten mußte: Italien ist reich an Klischees, aber vielleicht ist eben das auch ein Klischee; gerade den Deutschen war Italien immer eine Projektionsfläche. Noch bevor ich meine erste Zigarette aufgeraucht hatte, war dieses Bild schon verblasst – auch in Italien darf im Flughafen nicht geraucht werden.