Der sich gelegentlich in der Presse zu Wort meldende Theologe Friedrich Graf kommentiert in der Neuen Zürcher Zeitung den nach nur vier Monaten erfolgten Abgang der »entschieden modernen« Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, vom Amt.
Ihre mediale Dauerpräsenz habe sich die Bischöfin - so dieser Autor - durch die zeitgemäße Vermischung von Amt und Privatem erkauft. Mehr noch, sie habe auch vor dem Hintergrund der protestantischen Kultur der letzten 200 Jahre als Vertreterin eines quasi reaktionären »Moralprotestantismus« gewirkt. Weiterlesen …
Die Diskussion in Frankreich um die Burka, angestoßen von einem Vorschlag eines Verbotes durch den französichen Präsidenten, sei zu einer fremdenfeindlichen und rechtsextremen Debatte um die »französische Identität« geworden, meint Ellen Ehni vom Pariser ARD-Studio im Weltspiegel. Es handele sich wohl um ein Wahlkampfmanöver des Präsidenten, um von den wirtschaftlichen Problemen vor den Regionalwahlen abzulenken. Die Debatte sei insofern absurd, als daß die Zahl der Burka-Trägerinnen verschwindend gering sei.
Die Neujahrspredigt der Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland Margot Käßmann, in der sie sich unter anderem kritisch zum deutschen Engagement in Afghanistan äußerte, hat für Kontroversen gesorgt. Albrecht von der Lucke erkennt in dem heftigen Widerspruch gegen die Predigt eine moderne Medienkampagne, ausgehend vom Springer-Verlag. Konservative Kreise fürchteten sich vor einer sozial engagierten Kirchenchefin und wollten ihr »umgehend den Schneid abkaufen«. Dieser Versuch sei nach hinten losgegangen und habe im Gegenteil Zuspruch und Aufmerksamkeit in breiten Teilen der Bevölkerung für Käßmanns Anliegen erzeugt.
Nach dem schweren Erdbeben in Haiti hat die Sekte Scientology mittlerweile ihre gelben Zelte in der Hauptstadt aufgeschlagen. Wie bei allen größeren Katastrophen in den letzten Jahren wird auch in diesem Fall die „Casualty-Contact“-Strategie angewendet, um mediale Öffentlichkeit und neue Anhänger zu generieren. Dieses Vorgehen, so schon durch den Gründer L. Ron Hubbard formuliert, macht im Neusprech der Sekte aus einer Tragödie eine »Tragitunity«. Der Artikel im Freitag zeigt neben dieser Strategie ebenso die sogenannten Heilungsmethoden der selbsternannten Mediziner auf, die im Katastrophenfall versuchen Psychologen vom Ort des Geschehens zu verdrängen.
Die Zeitschrift National Geografic berichtet in einer Reportage mit Bildern von James Nachtwey über den Islam und sein Verständnis in Indonesien - dem Land mit den meisten Muslimen weltweit. Darin werden Beispiele von radikalem Fundamentalismus angeführt, allerdings darauf verwiesen, daß die Mehrheit der Bevölkerung einen moderaten Islam mit Trennung von Staat und Religion bevorzuge.
Alan Posener setzt sich kritisch, aber zugleich sehr sachlich mit dem Weltbild des Joseph Ratzinger alias Benedikt XVI. auseinander. Dabei kommt etwa sein Verhältnis zu verschiedenen innerkirchlichen Strömungen wie Befreiungstheologie und Piusbrüderschaft, aber auch zum Judentum zur Sprache. Eine lesenswerte Rezension dazu findet sich im Freitag.
Der katholische Theologe und Wissenschaftler Peter Bürger hat ein Buch über den Katholizismus in der Moderne veröffentlicht. Einige Aspekte des Buches finden sich in einem zweiteiligen Telepolis-Beitrag wieder. Bürger kritisiert die Dogmen Roms scharf, denn er erkennt in der Abwehr der Moderne eine verpasste Chance. Das Dogma der Unfehlbarkeit und der Absolutismus des Papstes gingen mit einer Zentralisierung der Kirche einher, die nicht ohne Widerstände ablief. Der damit einghergehende Personenkult sei als eine Form des Individualismus ein modernes Phänomen, dem er kenntnisreich eine andere Geschichte des Christentums entgegenhält.
Auch wenn der Anzahl nach viele Artikel über den Konflikt in Nigeria in deutschen Medien erscheinen, so handelt es sich zum jetzigen Zeitpunkt meist nur um zusammengestellte Agenturmeldungen von kurzem Umfang. Ebenso findet sich auf kaum einer Startseite eines Webmediums oder Titelseite einer Zeitung (Ausnahme: Eine kurze Meldung auf der Titelseite der FAZ) ein Beitrag zum Konflikt. Weiterlesen …
Olivier Roy stellt in seinem Zeit-Beitrag eine interessante These auf: »Der terroristische Islamismus ist keine traditionelle, sondern eine höchst moderne Glaubensrichtung. Sie wurzelt in Europa.«
Einst kamen die größten Denker aus Arabien. Heute vernachlässigt die islamische Welt die Wissenschaft. Einigen Ländern fehlt das Geld, in anderen kämpfen Fundamentalisten gegen die Forschungsfreiheit.
Mit unterhaltsamem, bösem Sarkasmus zählen Peter Blechschmidt und Marc Widmann in der Süddeutschen Zeitung die Tricks auf, durch welche die vorgeblich schärfste Waffe der Opposition in Deutschland, der Untersuchungsausschuß, zu einem »stumpfen Schwert« verkommt: durch sinnlose Geheimhaltung, Blockade von Gegenüberstellungen, Aufblähen der Akten und Ausschluß der Öffentlichkeit.
Millionen Menschen erfreuen sich an den Fußballspielen in Südafrika. Der die Spiele ausrichtende Weltfußballverband Fifa gilt als ein Ort der Korruption: Niemand hat bisher die Sümpfe vermessen können, viele Geldflüsse liegen im Dunkeln. Doch daß viele Funktionäre geschmiert sind, ist spätestens belegt durch den Prozeß nach der Pleite der Sportvermarktungsfirma ISL. Diese wurde von dem Erben des Sportartikelherstellers Adidas, Horst Dassler, gegründet.
Der Weg der Fifa zu einem korrupten Marketing-Konzern begann 1974 in Deutschland mit der Wahl des Brasilianers João Havelange zu ihrem neuen Präsidenten: Dassler verteilte Geldbündel zur Durchsetzung der Wahl. In Havelanges Amtszeit mutierte die Fifa zu einem mafiösen Konzern mit Vetternwirtschaft, Bestechung und hoch dotierten Beraterverträgen. Joseph Blatter veränderte als Nachfolger die Geldflüsse in Zusammenarbeit mit seinem Neffen Phillipe Blatter. Doch transparenter wurde die Fifa nicht: Ein System, das durch Werbegelder und Übertragungsrechte in Geld schwimmt.
Seit fast 60 Jahren möchte der Verein Atlantik-Brücke die deutsch-amerikanische Freunschaft fördern – nun ist ein neuer Vereinszweck hinzugekommen, der seinen Weg noch nicht in die Satzung fand: das gezieltes Training der Lachmuskeln des gemeinen Publikums. Der noble Verein der Vorstandsvorsitzenden und verdienten konservativen Politiker hat sich in aller Öffentlichkeit tief zerstritten.
Dass selbst die progressive Geisteshaltung immer häufiger mit konservativen und repressiven Extrakten versetzt ist, mutet mittlerweile ja leider nicht mehr neu an, entmutigt aber stets aufs Neue. In Tagen, in denen progressives Denken soviel heißt wie Brosamen aufsammeln, tapst man unwillkürlich in repressive Fußspuren, ohne dass es einem auch nur ansatzweise gewahr wird.
Vom 25. bis zum 27. Juni fand in Berlin der Kongress „Idee des Kommunismus. Philosophie und Kunst“ statt. Für ein paar Tage prangte das K-Wort in großen Lettern an der Fassade der Volksbühne.
Ausgehend von einer Analyse des desaströsen Scheiterns der „kommunistischen“ Staaten, bereits lange vor ihrem äußerlichen Zerfall, sollte mit dieser Konferenz an einer emanzipatorischen Perspektive festgehalten werden, die wieder den Namen „kommunistisch“ verdienen würde. Dieses Festhalten sei jedoch keinesfalls nostalgisch zu verstehen. Vielmehr, so lautete der Einsatz der Veranstalter, müsse die „kommunistische Hypothese“ einerseits überhaupt rehabilitiert, andererseits in einer historisch neuen Form affirmiert werden.
Das hier wiederveröffentlichte Interview mit dem Kulturwissenschaftler, Erinnerungsforscher und Kuratoren Harald Welzer erschien erstmalig 2009 im »Arbeitsbuch 18. Welten Wenden 8909« beim Verlag Theater der Zeit. Wie der Titel der Publikation leicht erahnen lässt, wohnt sie – gleich diesem Interview – der »Erinnerungsweltmeisterschaft« des vergangenen Jahres bei. Nicht um selbst bei ihr anzutreten oder sich in der allseitigen Jubiläumsduselei zu ergehen, sondern um diese in den Rang eines Gegenstandes zu erheben und von ihm zwecks eigener Reflexionen sich abzustoßen. Da aber diese von ihrem unmittelbarsten Anlass nicht abhängen, vielmehr über ihn hinaustragen, schien uns eine neuerliche Verfügbarmachung erlaubt.
Aufgrund einer jährlichen Familienzusammenführung landete ich kürzlich auf dem Flughafen in Rom. Mein erster Eindruck: 60 Millionen Italiener sind hauptberuflich mit der Erfüllung sämtlicher Klischees über Italien beschäftigt, nebenberuflich Kellner, Anwälte, Ärzte oder eben Mafiosi. Diesen von Vorurteilen geprägten Kulturschock erlebte ich, als ich bei meinem ersten italienischen Cappuchino den Blick durch die Ankunftshalle gleiten ließ, während ich auf die Verwandtschaft warten mußte: Italien ist reich an Klischees, aber vielleicht ist eben das auch ein Klischee; gerade den Deutschen war Italien immer eine Projektionsfläche. Noch bevor ich meine erste Zigarette aufgeraucht hatte, war dieses Bild schon verblasst – auch in Italien darf im Flughafen nicht geraucht werden.