Magazin Beitrag

Richtiges Leben im Falschen?

Theorie und Praxis alternativer Ökonomie
Richtiges Leben im Falschen?

Angesichts der aktuellen Wirtschaftskrise, aber auch aufgrund der fatalen Konsequenzen neoliberaler Politik wächst das Interesse an Alternativen zum herkömmlichen marktwirtschaftlichen System. Gisela Notz unternimmt den Versuch, solche Ideen und konkreten Umsetzungsversuche knapp und allgemeinverständlich vorzustellen. Ein interessantes Thema für all jene, die auf der Suche nach der »konkreten Utopie« sind. Aber auch lesenswert für Menschen, die einfach keine realistische Option sehen neben dem Altbekannten und Konventionellen.

Ein anderer Blick auf Arbeit

Den Auftakt bildet eine doppelte Kritik. Einmal jene an der Vorstellung, die heutige Gesellschaft ließe sich angesichts der vielfältigen krisenhaften Entwicklungen durch begrenzte „Reparaturmaßnahmen“ reformieren. Zum anderen die Absage an den vorherrschenden Arbeitsbegriff. Notz will auch Hausarbeit, Pflege, soziales Engagement und andere, vielfach unbezahlte Arbeiten einbeziehen. Und das ist ohne Zweifel auch richtig, denn gerade in diesem Bereich hat ein traditionelles Bild von „Arbeit“ auch ganz handfeste Konsequenzen. Etwa in Bezug auf die Frage, ob und wie hoch eine Tätigkeit entlohnt wird. Leidtragende sind dann meist noch immer Frauen, denen ein Großteil dieser Beschäftigungen zufällt. Die Autorin geht aber noch einen Schritt weiter, wenn sie fordert, nicht nur Arbeit um jeden Preis sicherzustellen, sondern ebenso nach der Sinnhaftigkeit dieser für den Arbeitenden und die Gesellschaft fragt: „Auch ein Vollwert-Öko-Kuchen kann unter psychisch und physisch krank machenden, menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen gebacken werden und die nach den Kriterien humanisierter Arbeitsbedingungen gestaltete kleine Fabrik wird zum Destruktionsapparat, wenn dort Kriegsmaterial hergestellt wird.“

Theorie…

Wie schon der Titel andeutet, liegt der Schwerpunkt der Darstellung auf den theoretischen Konzepten. Hier verweist die Autorin auf das breite, mittlerweile fast unübersehbare Spektrum an Ideen. Als übergeordnete Gemeinsamkeiten kann man dennoch zwei zentrale Punkte ausmachen: demokratische Selbstverwaltung und gemeinschaftliches Eigentum. In einem weiten Bogen werden die Utopien von Morus und Campanella, die Konzepte der Frühsozialisten des 19. Jahrhunderts und einiger Anarchisten angerissen. Auch Marx und Bebel fehlen nicht, ebenso wie Silvio Gesell, dem die Autorin aber zurecht sehr kritisch gegenübersteht. Gerade letzterer erlebt ja aktuell eine gewisse Renaissance mit seiner Zinskritik. Demnach sei das Problem vor allem in der quasiparasitären Rolle des Geldbesitzers bzw. Zinsnehmers zu sehen, der die produktive Leistung des industriellen Kapitals gegenübergestellt wird. In heutiger Lesart heißt das dann: „gute“ Realwirtschaft contra „schlechte“ Finanzwirtschaft. Das ist aber eine nicht ungefährliche, weil verkürzte Sicht auf den Kapitalismus. Denn auch die Profite der Finanzbranche werden genauso wie die in anderen Wirtschaftsbereichen durch Ausbeutung erzeugt. Hier eine entscheidende qualitative Trennung aufzumachen bedeutet letztlich nichts anderes als eine Entlastung des Kapitalismus selbst. Es ist eine moralische Kritik, die von den realen Unterschieden an Eigentum und Macht absieht. Solche Kunstgriffe benutzen auch heute noch viele Apologeten der Marktwirtschaft, etwa, indem sie auf gierige Banker und Spekulanten verweisen.

Immer wieder kommt Notz auf das „Oppenheimersche Transformationsgesetz“ zurück. Dieses besagt, Genossenschaften würden im Rahmen einer kapitalistischen Wirtschaft entweder untergehen oder sich schrittweise in kapitalistische Unternehmen verwandeln. Ähnliches hat auch Rosa Luxemburg geschrieben, wenn auch mit der Ausnahme von Konsumgenossenschaften. Die Gründe sind naheliegend: Man kann in einer modernen Gesellschaft nicht isoliert wirtschaften. Das beginnt damit, die notwendigen Werkzeuge, Immobilien und Rohstoffe einzukaufen. Und ohne einen festen, verlässlichen Kundenkreis – wie eben in den Konsumgenossenschaften – ist man zudem auf den Markt als Abnehmer der Produkte angewiesen. Genau vor diesen Problemen standen und stehen Genossenschaften immer wieder. Dennoch erfreuten sie sich insbesondere zur Zeit der Weimarer Republik großer Beliebheit und Verbreitung. Das war dann in der Bundesrepublik anders, zumal in den 90er Jahren auch viele genossenschaftliche Betriebe aus der ehemaligen DDR in normale Privatunternehmen umgewandelt wurden.

Damit kommen wir auch zu einem Kernthema des Buches. Theodor Adorno zitierend fragt Notz: Gibt es ein richtiges Leben im falschen? Macht es also Sinn, mit alternativen Praktiken schon im Hier und Jetzt anzufangen? Oder sind solche Versuche zwangsläufig zum Scheitern verurteilt? Die Autorin gibt darauf eine differenzierte Antwort. Ein Allheilmittel, eine alleinige Lösung auf die drängenden Probleme könne davon nicht erwartet werden, das bedeute eine Überforderung ihrer Möglichkeiten. Zugleich sind sie aber auch als „gelebte Gegengesellschaften“ mehr als nur kuschelige Nischen, sie sind erste Schritte hin zu einer besseren Welt. Daraus schöpfen die Akteure ihre Motivation und Berechtigung. Wie diese Einflussnahme konkret aussehen soll, bleibt jedoch weitgehend unklar. Die Vorbildfunktion allein, also gleichsam als Schaufenster in die Zukunft zu dienen, reicht sicher nicht aus. Schon allein deswegen nicht, weil ihre Wahrnehmung durch die Gesellschaft überaus begrenzt ist. Es bleibt also in absehbarer Zeit offen, ob diese Projekte mehr sein können als eben jene kleinen Nischen für Aussteiger.

… und Praxis

Kommune NiederkaufungenTill Westermayer

Ergänzt werden die theoretischen Betrachtungen anhand konkreter Beispiele, etwa der Kommune Niederkaufungen nahe Kassel. Sie ist die größte ihrer Art in Deutschland und besteht schon seit über 20 Jahren. Niederkaufungen hat auch Impulse für die Gründung zahlreicher weiterer Projekte geliefert. Trotz – oder wegen - ihrer überschaubaren Größe von 75 Kommunarden erweist sie sich als stabile Gemeinschaft, in der Menschen ihre jeweiligen Fähigkeiten und Interessen in unterschiedlicher Form einbringen können. Sei es in den einzelnen Teilbetrieben, sei es durch gemeinschaftliche Erziehung und Pflege der Kinder und Alten. Grundlage dieser Kommune sind dabei eine alle Tätigkeiten gleichbehandelnde Organisation, konsensbasierte Selbstverwaltung und gemeinsames Eigentum. Darüber hinaus teilen die Mitglieder ein linkes Politikverständnis und sehen sich in der Pflicht, auch nach außen politisch aktiv zu werden. Ein zweites Beispiel ist die deutlich kleinere Kommune Finkhof.

Insgesamt hätte man sich aber gewünscht, mehr über solche Kommunen zu erfahren. Denn gerade hier lässt sich am besten überprüfen, ob und wie die solidarischen Werte in die Praxis umgesetzt werden können, wo Probleme auftauchen und wie damit umgegangen wird. Das kommt doch ein wenig zu kurz, und vieles bleibt so zwangsläufig recht theoretisch, allgemein und vage. Dagegen verweist Notz durchgängig auf die spezifisch feministischen Aspekte. So gibt es dezidiert feministisch orientierte Projekte. Oder andere, die sich zum Ziel gesetzt haben, geschlechtsspezifische Diskriminierungen und Hierarchien abzubauen. Etwa dadurch, dass die verschiedenen Arbeiten ausgewogener verteilt, vor allem aber als gleichwertig behandelt werden. Dieser Fokus hat sicher seine Berechtigung, wirkt aber bisweilen etwas zu prominent und dadurch bemüht. Hier wäre weniger mehr gewesen.

Eine Schwierigkeit des Themas besteht sicherlich auch darin, einzuschätzen, wie groß die Alternativökonomie hierzulande überhaupt ist. Das beginnt schon mit der Bestimmung, welche Betriebe und Projekte dazuzuzählen sind. Verwertbares statistisches Material existiert kaum, grobe Schätzungen nennen etwa für die 80er Jahre mehrere tausend Unternehmen mit 25.000 bis 450.000 Beschäftigten. Heute dürfte die Zahl wohl eher geringer sein. Das mangelnde Interesse des Staates an diesem Thema zeigt sich aber nicht nur daran, dass keine zuverlässige Erfassung der Projekte erfolgt. Es gibt auch wenig Unterstützung dafür, sei es durch einen dem spezifischen Bedarf angemessenen juristischen und steuerlichen Rahmen oder durch materielle Förderung. Für manche alternativen Gruppen sind auch Genossenschaften kaum geeignet. Denn sie sehen zum Beispiel vor, dass die Teilhaber bei einem Ausstieg ihr eingebrachtes Vermögen wieder entnehmen und so ganze Projekte finanziell ruinieren können. Steuerlich werden Kommunen überdies statt als Gemeinschaft in der Regel als Einzelpersonen erfasst. Und das bedeutet dann natürlich den Verlust von Privilegien, wie sie „traditionelle“ Familien genießen. In Frankreich, Italien oder Lateinamerika ist das jedoch anders, hier leistet die Politik durchaus Hilfestellungen.

Kritik

Trotz ihrer eindeutigen Sympathie spart Notz auch nicht mit Kritik. So weist sie darauf hin, dass auch alternative Projekte entgegen ihrem selbstformulierten Anspruch häufig hierarchische Strukturen aufweisen bzw. diese im Verlauf ihres Bestehens ausbilden. Viele Initiativen scheitern schon im Ansatz, weil einerseits die Erwartungen zu hoch sind, andererseits die notwendigen Kompetenzen, gerade im Miteinander der Akteure, oft erst mühsam erlernt werden müssen. Es bestehe auch immer die Gefahr der Selbstausbeutung, beispielsweise, indem die hohe Identifikation mit dem Betrieb zu übermässiger Arbeitsbelastung führen kann. Tauschringen und ähnlichen Einrichtungen steht sie skeptisch gegenüber, da diese an den grundlegenden Produktionsbedingungen und Marktbeziehungen nichts ändern würden. Daher seien sie eher Projekte einer „sozialromantischen Mittelschicht“ als eine wirkliche Alternative. Wichtig wäre zudem eine umfassendere Vernetzung der bestehenden und entstehenden Zusammenhänge, um so Erfahrungen und Fertigkeiten auszutauschen.

Als Einstieg in das Thema ist das Buch allemal geeignet, auch wenn es bedingt durch die knappe Darstellung viele Fragen nur anreisst und keineswegs erschöpfend behandelt. Das ist aber auch gar nicht die Intention. Bedauerlich ist eher, dass sich die Autorin fast ausschließlich auf Deutschland beschränkt. Eine Darstellung insbesondere der breiten aktuellen Bewegung in Lateinamerika wäre ohne Zweifel sinnvoll gewesen.

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