Presseschau

Kulturkritik

Fast vergessen scheint die Idee der Grenzen des Wachstums, die auf eine Studie de Club of Rome aus dem Jahr 1972 zurückgeht und bis in die 80er Jahre große Popularität hatte. Darin wurde das exponentiell steigende Wachstum im Industiekapitalismus in Frage gestellt und die Suche nach Alternativen beflügelt. Doch in den Jahren der Restauration nach Zusammenbruch des Ostblocks geriet dieser Ansatz in Vergessenheit. Der Zukunftsforscher Harald Welzer versucht mit zahlreichen Publikationen an diesen Diskurs anzuknüpfen. In einem Vortrag im Rahmen der Reihe Und jetzt – Richtungen der Zukunft der Humboldt-Universität meint er, daß von der Politik ohne eine gesellschaftliche Bewegung wenig Innovation und Umdenken zu erwarten sei.

Facetten und Klischees

Ein widersprüchlicher Kontinent und das Afrikabild im Westen
von Ilari Henry am 14. Juni 2010
Straße in Lagos, NigeriaFoto von ryan paetzold

Afrika als Ort der Armut, der Bürgerkriege und des Hungers – dies sind die Bilder, in denen der Kontinent im Westen meist wahrgenommen wird. Dabei ist das Afrikabild von Klischees gekennzeichnet, denn der Kontinent ist weitaus vielfältiger. Das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung hat in einem Schwerpunkt versucht, ein facettenreicheres Bild zu zeichnen:

Dieser Kontinent wird von außen als monolithischer Block betrachtet. Das wird ihm keinesfalls gerecht. Denn tatsächlich ist er bunt, vielschichtig, widersprüchlich, voller Kontraste. Tausend verstreute Welten, keine wie die andere. Weiterlesen …

Christian Weber nimmt in der Süddeutschen Zeitung einen Prozess um Tierversuche an der Bremer Universität zum Anlaß, über das Verhältnis von Mensch und Tier nachzudenken. Denn Kritiker von Tierversuchen messen mit zweierlei Maß, meint der Autor: In der Viehproduktion werde Tieren weit mehr Leid zugefügt als durch Tierversuche. Selbst wer keine tierischen Produkte nutze, mache sich mitverantwortlich, wenn Mähmaschienen jährlich eine halbe Millionen Tiere zerstückeln. Eine ethische Debatte um den Nutzen von Tieren sei also weit komplexer als die Skandalisierung von Tierversuchen.

Fetisch Leistung

Der Begriff der Leistung prägt die an Arbeit orientierte Gesellschaft
von Joséphine Glenz am 27. Mai 2010
Leistung das Ideal unserer Gesellschaft? Leichtathletik-WM in Berlin Foto von az1172

Eine ganze Ausgabe hat die Zeitschrift Polar dem Begriff der Leistung gewidmet. Darin kommen Perspektiven aus der Alltagswelt, dem Fußball, der Kunst und der Bildung zu Wort. Der Eingangsbeitrag stützt sich auf ein Forschungsprojekt am Institut für Sozialforschung in Frankfurt. Kai Dröge und Sighard Neckel erörtern darin die Bedeutung des Leistungsbegriffs in Gesellschaft und Politik. Denn »Leistung« ist die Grundlage einer wirtschaftsorientierten Vorstellung, nach der die Eliten durch Steuern geschröpft werden. Doch darin wird eine Vorstellung verobjektiviert: Statt einer Diskussion unterschiedlicher gesellschaftlicher Wertvorstellungen wird ein hohes Einkommen mit harter Arbeit gleichgesetzt und als alleiniges Merkmal für »Leistungsgerechtigkeit« gesetzt. Weiterlesen …

»Die Mafia-Doktrin«

Der Linguist und politische Intellektuelle Noam Chomsky im Interview
von Caspar Bildner am 4. Mai 2010
Noam ChomskyFoto von dlr2008

Noam Chomsky ist durch seine sprachwissenschaftlichen Theorien bekannt geworden; er ist jedoch auch ein politischer Intellektueller, der sich seit dem Vietnamkrieg öffentlich zu Wort meldet. Seine Kritik an der Politik und dem Wirtschaftssystem des Westens ist international bekannt geworden durch sein Buch »Manufacturing Consent«, in dem er die Macht der Leitmedien anhand ihrer Berichterstattung statistisch analysiert. Für sein kontroverses Engagement wurde Chomsky nun mit dem Erich-Fromm-Preis ausgezeichnet – bei seinem Aufenthalt in Deutschland wurde er interviewt. Ob man sein Weltbild teilt oder nicht, die Analysen der politischen Lage sind präzise und erfrischend.

Im Bundestagswahlkampf 1998 warben die Grünen damit, den Benzinpreis mittels Abgaben auf 5 Mark zu erhöhen und damit diejenigen die Kosten des Verkehrs tragen zu lassen, die sie verursachen. Trotz Regierungsbeteiligung konnten sie sich damit nicht durchsetzen und das Problem besteht nach wie vor. Autoverkehr führt zu Treibhausgasemissionen, Lärm, Luftschadstoffen, Flächennutzung und mehr. Diese Kosten sind aber durch die Einnahmen aus Abgaben und Steuern, die für das Autofahren erhoben werden, nicht gedeckt. Neuesten Erkenntnissen des Bundesumweltamtes zufolge beläuft sich dieses Loch auf 47 Milliarden Euro. Dazu kommt, dass der Verkehr generell CO2-effizienter werden soll. Weiterlesen …

Foto von ChrisyJewell

Flunkern, Floskeln, Lügen: Eine schöne Beobachtung über den Charakter des wenig wahren bringt BR2, angereichert mit einem Reigen an Beispielen aus dem öffentlichen Leben. Die Gründe dafür sind vielfältig: vom schönen Bild, der Selbsttäuschung bis zur groben politischen Lüge. »Eine Stategie, die dem Tarnverhalten verschiedener Tiere ähnelt.« Auch die Medien malen Bilder, deren Wahrheitsgehalt wir selten überprüfen können. Häufig werde mehr über Bedrohungenszenarien berichtet als über Tatsachen. Neben der Sendung finden sich in dem Dossier weitere Hintergrundinformationen. Anbei erwähnt sei der Essay von Georg Simmel Das Geheimnis, in dem er die kognitive Fähigkeit des Menschen zum Verbergen darstellt.

David Harnasch zeigt sich in der TV-Kritik-Kolumne des Cicero erfreut über die am 8.3.2010 um 22 Uhr ausgestrahlte RTL-Reportage »Angst vor den neuen Nachbarn!«, die - so Harnasch auf seiner Seite - »es schaffte Migrationsprobleme und Fremdenfeindlichkeit in Deutschland klischeefrei und anschaulich darzustellen«, und er zeigt daraus auch Ausschnitte. Weiterlesen …

Foto von Gerard Stolk

Frankreich betreibt einen bürokratischen Aufwand zum Schutz des Französischen. Dagegen habe Deutschland seine Sprache gegenüber einer Flut von Anglizismen aufgegeben, meint Aleksandra RybiÅ„ska in der polnischen Tageszeitung Rzeczpospolita (Die Republik). Ein Auseinanderdriften der Gesellschaft in der Sprache erkennt dagegen Jürgen Trabant in der Süddeutschen Zeitung: Die Oberschicht schicke ihre Kinder auf zweisprachige Schulen, während in der »proletarischen und migrantenreichen« Bevölkerung oft kein richtiges Deutsch gesprochen werde.

Margot Käßmann 2009Foto von evangelisch.de

Der sich gelegentlich in der Presse zu Wort meldende Theologe Friedrich Graf kommentiert in der Neuen Zürcher Zeitung den nach nur vier Monaten erfolgten Abgang der »entschieden modernen« Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, vom Amt.

Ihre mediale Dauerpräsenz habe sich die Bischöfin - so dieser Autor - durch die zeitgemäße Vermischung von Amt und Privatem erkauft. Mehr noch, sie habe auch vor dem Hintergrund der protestantischen Kultur der letzten 200 Jahre als Vertreterin eines quasi reaktionären »Moralprotestantismus« gewirkt. Weiterlesen …