Presseschau Beitrag

Der ungeschickte Schütze und das Kronjuwel

Wie nahe führten Reagans Polemik und sowjetisches Mißtrauen die Welt an den Rand des Atomkrieges?

Während die Kubakrise 1961 das Sinnbild eines drohenden Atomkrieges darstellt und Gegenstand von Kultur und Forschung wurde, ist die Krise um die NATO-Übung Able Archer im Jahr 1983 eher unbekannt. Diese umfassende Übung sollte einen Atomkrieg unter Leitung der NATO-Staatschefs simulieren. In einem Klima wachsenden Mißtrauens zwischen den Supermächten vermutete der KGB hinter der Übung eine Tarnung für einen nuklearen Erstschlag und bereitete einen Reaktion vor. Der amerikanische Präsident Ronald Reagan hatte die Sowjetunion als Reich des Bösen (»evil empire«) bezeichnet, das diplomatische Klima hatte einen Tiefpunkt erreicht. Dies geschah vor dem Hintergrund eines Wettrüstens, der Stationierung der amerikanischen Pershing-II durch den NATO-Doppelbeschluß als Antwort auf die sowjetische Mittelstreckenrakete SS-20. Die Sowjets reagierten auf die Angst vor einem Erstschlag mit dem Programm RJaN zur Aufklärung der Aktivitäten.

Markus Kompa zeigt auf Telepolis einige Aspekte der Spirale des gegenseitigen Mißtrauens auf. Für ihn ist keineswegs ausgeschlossen, daß einige Falken im Pentagon wie Richard Perle einen nuklaren Enthauptungsschlag für durchführbar hielten. Indikatoren für die These seien das riskante Aufklärungsprogramm der DIA der sowjetischen Kommunikationsschaltstellen. Den westlichen Staaten entgingen lange Zeit die Kriegsvorbereitungen der Sowjets. In dieser Situation sorgten die Aussagen des Topspions der ostdeutschen Staatssicherheit bei der NATO, Reiner Rupp, für eine gewisse Entspannung. Denn »Topas« konnte keine Kriegsvorbereitungen erkennen und meldete seine Erkenntnisse nach Ost-Berlin, wo diese nach Moskau weitergeleitet wurden.

Insofern stellt Kompa die Spionage als stille Diplomatie in einem Klima des Mißtrauens dar. Die Mittelstreckenraketen hatten die Vorwarnzeit für einen Nuklearschlag reduziert, so daß die Auslösung eines Atomkrieges durch falsche Informationen wahrscheinlicher wurde. Eine eindeutigere Aussage, wie knapp die Welt 1983 an einem Armageddon vorbeischlitterte, wird wohl nur durch die beharrliche Arbeit der Historiker und die Öffnung von Archiven erlangt werden. Der Kalte Krieg darf in einigen wichtigen Aspekten als erstaunlich wenig erforscht gelten. Dies liegt in erster Linie daran, daß dieser neben den zahlreichen heißen Stellvertreterkriegen ein verdeckter, nachrichtendienstlicher war. Allerdings hat die Öffentlichkeit bislang mit wenig Druck auf die Preisgabe von Staatsgeheimnissen auch im Westen gedrungen.

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