Magazin Beitrag

Eine linke Tour

Ein Zeitgeist, der so gar nicht in den Zeitgeist paßt

Das ausschlaggebende Problem sei dieser linke Esprit, der sich durch die Mehrzahl der Zeitungen, der Kolumnen und Feuilletons ziehe. Ein Geist, der sich zu verständnisvoll, zu zurückhaltend und blind für Realitäten präsentiere. Einer, der Reformen behindert, unbequeme Wahrheiten unterbindet und die Sachzwänge dieser Welt einfach nicht durchblicken will. Ein Geist, der aus den bedruckten Blättern entweicht und sein Bukett in der gesamten bundesrepublikanischen Welt verströme; der den Institutionen Links um! zurufe, die CDU weichspüle und sozialdemokratisiere, eine Sprache der political correctness installiere. Der linke Zeitgeist, so sind sich nicht wenige Publizisten und Meinungsmacher sicher, habe die Bundesrepublik fest im Griff.

 

Dieser stählerne Griff ist vielen Meinungsmachern schier unerträglich. Komisch ist nur, dass die Kritiker der linken Umklammerung gar keine Minderheit sind: so gut wie jede deutsche Tageszeitung ereifert sich in ihrer Kommentarspalte über den Zeitgeist, füttert mindestens einen von diesen Kritikern mit durch. Die sozialdemokratisierte CDU ist quasi zum Standardrepertoire ideenloser Schreiberlinge geworden; ebenfalls das Zürnen gegen einen Slang, den man mit political correct zertifiziert. Besonders kühne Gestalten trauen sich gar, dem heutigen Deutschland das Prädikat DDR zu bescheinigen - wobei die DDR allenfalls so was wie das Produkt eines gelinkten linken ursprünglichen Denkens war. Kurzum, einige couragierte Meinungsmacher, im Auftrag ihrer Herrn, fühlen sich recht unwohl in der Volksrepublik Deutschland, mit all ihren linken Parteien - es laufen treu hintendrein politische Bankrotteure, die den »Ton der linken Schickeria« nicht ausstehen können oder linkes Denken generell für einen Fehler halten. Alle wohlvereint im Kampfgetümmel gegen das linke, das zurückgelassene 68er-Denken, das nicht weichen will.

Fast möchte man es glauben, bei dieser Absolutheit an gleichlautenden Sichtweisen, bei dieser »Summe gleichzeitig stattfindender Monologe«. Nur einige Details passen nicht ins Bild eines linken Zeitgeistes: Weshalb ist es beispielsweise möglich, dass ein Angriffskrieg unterstützt und mitgetragen, und von der schreibenden Zunft, die angeblich von links her verdorben ist, verteidigt wird? Wie lassen sich Sozialabbau und einseitige Reformen - nur ein Stichwort: Elterngeld! - erklären in einem solchen Klima? Braucht es einen linken Zeitgeist, um sozialeugenische und klassistische Bierkellerparolen großzügigst publizieren zu dürfen? Ist anschwellende und angestachelte Fremdenfeindlichkeit das Werk linker Gesinnung? Wieso ist der Gleichheitsgedanke in Schieflage, das deutsche Schulsystem schichtundurchlässig wie nie - ist das linkes Ideal? Ein linkes Ideal wie jenes, dass sich nicht erwerbstätige Menschen, Rentner, Kranke und Arbeitslose, zunehmend wie Menschen zweiter Klasse fühlen müssen, weil sie keine ökonomische Brauchbarkeit mehr aufzuweisen haben, weil sie sich auf dem freien Markt nicht mehr verkaufen können?

Die Welt als Wille zur Vorstellung! Denn mehr als eine trübe Vorstellung ist das Gespenst, das in Deutschland umgehen soll, ja nicht. Der linke Zeitgeist ist eine grandiose Erfindung, bei manchen vielleicht auch eine hysterische Einbildung - es ist jedem Falle eine linke Tour, von einer linken Mode zu berichten, die es überhaupt nicht gibt; die es nicht geben kann, wenn man betrachtet, wie sich diese angeblich linke Republik entwickelt. Anspruch und Wirklichkeit klaffen auseinander: die linke Macht- und Meinungsergreifung ist ein Mythos, ein rhetorisches Mittel, um einen Konservatismus abzugrenzen, der schon lange nicht mehr konservativ ist, sondern zum Handlager der Ökonomisierer aller Lebenslagen wurde - und aus dieser Nische kommt auch die angeprangerte Sprache der political correctness; denn ökonomisierte Lebensverhältnisse müssen ganz korrekt verniedlicht werden, damit die Menschen sie ertragen können. Das linke Monopol ist ein Stilmittel, das die Parteien der politischen Mitte konturieren soll - weil man selbst so schrecklich profillos ist, keine sich scharf absetzende Silhouette besitzt, zeichnet man die linke Gefahr an die Wand. Irgendwie muß man sich ja selbst herausputzen

Der Beitrag erschien erstmals bei ad sinistram.

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