Magazin Beitrag

Machtspiele im Chaos

Zur Lage im Jemen

Der Bürgerkrieg im Jemen hat durch die Intervention von Saudi-Arabien und seinen Verbündeten eine neue Eskalationsstufe erreicht. Damit wird die Lage zugleich noch unübersichtlicher. Schon die internen Konfliktlagen sind kompliziert: So kämpfen die Milizen aus der Minderheit der schiitischen Huthi gegen die sunnitische Zentralregierung von Mansur Hadi, werden dabei aber auch unterstützt von weiten Teilen der Armee und Polizei. Das ist auf den weiter bestehenden Einfluss des im arabischen Frühling gestürzten Präsidenten Salih zurückzuführen, der offenbar versucht, seinen Sohn in das höchste Staatsamt zu hieven. Die Allianz der Huthi mit dem Expräsidenten dürfte aber eine brüchige sein, denn Salih hat die Schiiten lange brutal unterdrückt und gilt zudem als hochgradig korrupt.

Weitere Brisanz erhält der Bürgerkrieg durch die Einmischung regionaler Mächte. Neben Saudi-Arabien schicken auch die Vereinigten Emirate, Katar, Bahrain und Jordanien Kampfflugzeuge. Die Saudis haben nach eigenen Angaben bereits 150.000 Soldaten an der Grenze zusammengezogen, um eine Bodenoffensive zu beginnen. Die Rolle von Ägypten, Pakistan und der Türkei ist dagegen weiter unklar. Die Diplomaten dieser Länder schwanken zwischen verbaler Unterstützung der saudischen Intervention und teils widersprüchlichen Aussagen über eine mögliche eigene Beteiligung.

Der Iran dagegen hat die aktuelle Militäraktion klar verurteilt und unterstützt seit längerem seine schiitischen Glaubensbrüder. Mit deren Erfolgen droht Saudi-Arabien neben den Entwicklungen im Irak und Konflikten mit der eigenen schiitischen Minderheit ein weiterer Machtverlust gegenüber dem regionalen Gegenspieler Iran. Das Nachbarland Oman hält sich ebenfalls auffallend zurück und wird wohl keine Truppen schicken.

Von geostrategischer Relevanz ist der Bürgerkrieg vor allem, weil der Jemen mit dem Golf von Aden zugleich die enorm wichtige Schifffahrtsroute durch das Rote Meer und den Suezkanal kontrolliert. Nicht zuletzt diese Tatsache rief den Westen auf den Plan. Die Intervention wurde im Vorfeld zwischen Riad und Washington eng abgestimmt, denn schon an ihrem ersten Tag erklärte das Weiße Haus die Aktion für legitim und kündigte sogar konkrete logistische und nachrichtendienstliche Unterstützung an. Ähnlich positiv äußerten sich London und Berlin. So hieß es in einer Stellungnahme aus dem Auswärtigen Amt: »Das ist nach den Regeln des Völkerrechts legitim, wenn auf die Bitte eines demokratisch gewählten Staatsoberhaupts Nothilfe gewährt wird.«

Der Haken dabei: Das demokratisch gewählte Staatsoberhaupt Mansur Hadi kam durch eine Wahl ohne Gegenkandidaten und mit 99,8 Prozent der Stimmen an die Macht. Es mutet ohnehin etwas eigentümlich an, wenn neben der Bundesregierung auch das absolutistisch regierte Saudi-Arabien als Grund für den Waffengang den Schutz der jemenitischen Demokratie angibt.

Der eigentliche Leidtragende des Konflikts, die Bevölkerung, steht ohnehin in diesem Machtpoker nicht im Fokus. Neben den Toten durch die Bomben aus der Luft droht im ärmsten Land Arabiens eine humanitäre Katastrophe erschreckenden Ausmaßes. Etwa zehn Millionen Menschen hungern, zudem droht das Trinkwasser knapp zu werden. Ob eine Verschärfung der militärischen Auseinandersetzungen hier wirklich hilfreich ist, darf wohl bezweifelt werden.

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